Vielfalt der Tierwelt in der Agrarlandschaft – Ergebnisse des Projektes „Lebendige Natur durch Landwirtschaft“
Zusammenfassung und Diskussion
von Dr. Claus Albrecht, Dr. Thomas Esser, Dipl.-Biol. Horst Klein, Dipl.-Biol. Jochen Weglau
Die Landwirtschaft ist der größte und wichtigste Flächennutzer in der Bundesrepublik Deutschland (Statistisches Bundesamt 2001). Bedingt durch die Krisen, die die Landwirtschaft in jüngster Zeit eingeholt haben (Stichwort: BSE und MKS), aber auch bereits in Zusammenhang mit der 1992 beschlossenen Konvention von Rio über die Erhaltung der Biologischen Vielfalt ist daher der Anspruch an eine nachhaltige, die natürlichen Ressourcen schonende Produktion von Lebensmitteln immer größer geworden. Die Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft (FNL e.V.) hat sich zum Ziel gesetzt, die Prinzipien dieser Nachhaltigkeit in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit zu diskutieren und durch wissenschaftliche Studien neue Beiträge zu dieser Diskussion zu liefern.
Bereits im Jahr 1992 wurden zu diesem Zweck ökologische Untersuchungen im Rahmen des Projektes „Lebendige Natur durch Landwirtschaft“ begonnen. Sie dienten zunächst der Erforschung der Bedeutung, die blütenreiche Krautstreifen für die Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten in rekultivierten Agrarlandschaften innehaben können (Albrecht et al. 1998) und wurden dann in einem Projekt fortgeführt, das unterschiedliche Agrarlandschaften unter dem Aspekt der Artenvielfalt und der Stabilität der Tiergemeinschaften vergleichen sollte. Dazu sind zwei Agrarbetriebe in Ostdeutschland als typische Beispiele für großflächige, offene und ertragreiche Agrarlandschaften untersucht worden. Zwei Familienbetriebe in der Eifel, deren Bewirtschaftung z.T. auch den Vertragsnaturschutz einschließt, können dagegen als Vertreter der kleinflächigen, weniger intensiven Landwirtschaft angesehen werden.
Einige Aspekte standen im Vordergrund der von 1998 bis 2001 durchgeführten ökologischen Untersuchungen:
1.) Die Frage danach, welche Lebensräume in der Agrarlandschaft über eine hohe Artenvielfalt verfügen und welche nicht. Dabei sollte nicht nur die Artenzahl der Tiere betrachtet werden, sondern auch die Anzahl von ubiquitären Arten sowie von Arten, die heute als gefährdet gelten.
2.) Eine Beurteilung, welche Lebensräume in besonderem Maße dazu beitragen können, dass Tiere sich dauerhaft und nicht nur als Zufallsfunde oder Nahrungsgäste in den landwirtschaftlich geprägten Gebieten aufhalten und so in besonderem Maße zur Stabilität von Zoozönosen beitragen.
3.) Ein Vergleich, ob die Gesamtartenvielfalt der Fauna unterschiedlich genutzter Landschaften sich signifikant unterscheidet, und zwar nicht nur in der Zahl der Arten, sondern auch im Vorkommen gefährdeter Spezies.
4.) Praktikable und anhand der wissenschaftlichen Untersuchung belegte Ansätze, wie die Biodiversität in Agrarlandschaften erhalten und ggf. gefördert werden kann.
5.) Erste Ideen dazu, welche Zielarten in die Diskussion von naturschutzfachlichen Leitbildern in den verschiedenen Untersuchungsgebieten integriert werden können.
Insgesamt 636 Tierarten konnten von 1998 bis 2001 im Rahmen des Projektes „Lebendige Natur durch Landwirtschaft“ auf den vier Projektgebieten festgestellt werden. In dieser Zahl enthalten ist etwa ein Viertel der in Deutschland insgesamt vorkommenden Vogel-, Tagfalter-, und Heuschreckenarten. Hinzu kommt etwa ein Fünftel aller Spinnen- und Laufkäferarten sowie ein Sechstel der insgesamt in Deutschland bekannten Wanzen. Die in der Untersuchung erfasste Gesamtartenvielfalt ist also kein Hinweis auf generell artenarme Agrarlandschaften.
In jedem Projektgebiet tragen einzelne Lebensräume in besonderem Maße zur Artenvielfalt und Stabilität der Tiergemeinschaften bei, andere nicht. Im Betrieb Schmitz in Dahlem (Eifel) sind es die unter Vetragsnaturschutz bewirtschafteten Flächen, ein „Trockenrasen“ und eine „Feuchtwiese“, die vielen unterschiedlichen Tierarten, darunter auch Spezialisten und einer ganzen Reihe von Arten der Roten Listen, einen stabilen und dauerhaften Lebensraum bieten. Hinzu kommt eine extensiv gemähte, montan geprägte „Goldhaferwiese“, die sich ebenfalls durch eine hohe Vielfalt der Tierwelt auszeichnet. Eine Zwischenstellung nimmt eine mit geringem Viehbesatz beweidete „Jungbullenweide“ ein. Eine regelmäßige Beweidung dagegen führt zur starken Abnahme der Artenvielfalt und der Nutzung durch Tiere, darunter auch spezialisierter oder gefährdeter Arten. Eine „Weide“ in Dahlem mit hohem Viehbesatz war vergleichsweise artenarm. Auch eine nur gering strukturierte, krautarme Hecke zeichnete sich durch eine geringe Artenvielfalt aus.
Auf dem Betrieb Schneider in Weyer (ebenfalls Eifel) erreicht ein eng verzahntes Mosaik aus einem offengelassenen, verbuschten Magerrasen („Mosaik ungenutzt“) mit einer Wiese („Mosaik Wiese“) und einer Weide („Mosaik Weide“) hohe Artenzahlen und eine hohe Bedeutung für die dauerhafte Besiedlung. Nach einiger Zeit auf Grünland umgestellte Flächen („Grünland alt“) sind zwar nicht so vielfältig wie die vorgenannten Flächen, zeichnen sich jedoch ebenfalls durch eine noch erhöhte Vielfalt und besonders Stabilität der Zoozönosen aus. Sowohl gerade erst aus Ackerflächen hervorgegangenes Grünland („Grünland neu“) als auch die Äcker selber („Feld“) sind dagegen kein Lebensraum mehr für eine größere Anzahl von Tieren. Hier überleben nur noch einzelne Arten, darunter größtenteils Ubiquisten, die auf den Flächen dazu häufig nur kurzzeitig, etwa zur Nahrungssuche, zu finden sind.
Die ackerbaulich geprägten Agrarlandschaften in Thüringen (Geratal Agrar GmbH in Andisleben) und in Sachsen-Anhalt (Gerbstedter Agrargenossenschaft e.G. in Gerbstedt) stehen in deutlichem Kontrast zu den Familienbetrieben in der Eifel. Hier wird auf bis zu 100 ha großen Ackerschlägen gewirtschaftet. Flächige unter Vetragsnaturschutz gepflegte Gebiete sind nicht oder kaum vorhanden. Dafür gibt es zahlreiche ackerbegleitende Biotope in verschiedensten Ausprägungen.
Andisleben ist geprägt durch Grabensysteme, Raine und schmale Banketten entlang von Wegen sowie einzelne Windschutzanpflanzungen. In Gerbstedt geht das Repertoire von schmalen Banketten über Obstbaumalleen und Windschutzanpflanzungen bis hin zu etwa 5m breiten, krautreichen und ruderalisierten Feldrainen, die zumeist wegbegleitend die Ackerflur säumen. Sowohl in Andisleben als auch in Gerbstedt ist der Versuch unternommen worden, große Ackerschläge mit Hilfe blütenreicher Krautstreifen zu unterteilen.
Die Felder sind sowohl in Andisleben als auch in Gerbstedt artenarm und haben nur noch eine eingeschränkte Funktion, etwa als Nahrungsgebiet, für die Tierwelt. Diese geringe Vielfalt der Tierwelt kommt insbesondere durch den Ausfall von Arten vegetationsabhängiger Tiergruppen, z.B. Wanzen, Heuschrecken oder Tagfalter, zustande. Epigäische Arthropoden, so einige Vertreter der Spinnen oder Laufkäfer, können dagegen durchaus noch höhere Artenzahlen erreichen. Ob diese zumindest noch mittlere Artenvielfalt epigäischer Tiere auf die bisher nur geringe Nivellierung der Bodenverhältnisse, insbesondere des Feuchtigkeitshaushalts im Boden zurückzuführen ist, wie von Voigtländer et al. (2001) angenommen, kann für die hier gemachte Untersuchung nicht mit letztendlicher Sicherheit beantwortet werden. Wäre dies der Fall, würde mit zunehmender Intensivierung die Artenvielfalt weiter abnehmen.
Die Schlaggröße hat nach den hier vorliegenden Ergebnissen keinen signifikanten Einfluss auf die Artenvielfalt von Tieren inmitten der Äcker. In der Eifel mit kleinen Ackerschlägen wie in den großflächigen Feldern Ostdeutschlands kommt es zur deutlichen Reduzierung der Biodiversität der Fauna. Damit ist die Schlaggröße selbst kein Kriterium für die Artenvielfalt der Tierwelt in der Landwirtschaft. Allerdings bestimmt die Größe der Ackerflächen die Möglichkeiten, die Feldflur mit Feldrainen, Hecken und anderen Begleitstrukturen zu durchsetzen (s.u., vgl. Knickel 2001).
Sowohl in Andisleben als auch in Gerbstedt sind Ackerbegleitbiotope zu finden, die einen hohen Wert für die Fauna haben. Zu vielfältigen Tiergemeinschaften tragen z.B. die Grabensysteme („Graben“ und „Graben/Bäume“) in Andisleben oder die ruderalisierten, breiten Feldraine („Feldrain“) in Gerbstedt bei. Sie erreichen Artenzahlen, die mit einigen der flächig ausgeprägten und durch Naturschutzmaßnahmen gepflegten Biotopen der Eifel vergleichbar sind, die Vielfalt anderer nur knapp unterschreiten. Sie werden darüber hinaus durch zahlreiche Arten insbesondere der Wirbellosenfauna neben der Nahrungssuche auch zur Fortpflanzung genutzt, übernehmen damit für die meisten Arten also durchaus vergleichbare Funktionen wie die flächigen Trockenrasen, Goldhaferwiesen oder Feuchtwiesen in der Eifel.
Die Nivellierung besonders der Nährstoffverhältnisse, aber auch des Bodens führt jedoch in den Ackerbegleitbiotopen zu einer verminderten Vielfalt der Vegetationsschicht und damit des Blütenangebots (vgl. hierzu Kretschmer et al. 1997, Eggers & Zwerger 1998, Poschlod & Schumacher 1998, Schumacher & Schick 1999). Eng spezialisierte und gefährdete Tagfalter sind in den Projektgebieten Ostdeutschlands daher in sehr viel geringerem Umfang zu finden als in der Eifel.
Neben den hoch wertvollen Rainen und Grabensystemen sind in den ostdeutschen Projektgebieten jedoch auch Ackerbegleitstrukturen untersucht worden, die nur noch in geringem Umfang zur Artenvielfalt und Stabilität von Zoozönosen beitragen. Schmale, gräserdominierte Banketten, strukturarme Windschutzanpflanzungen und Feldraine haben nicht die gleiche Bedeutung für die Tierwelt, wie die bereits beschriebenen, wertvollen Standorte.
Die entscheidenden Kriterien dafür, ob ein Lebensraum eine hohe Bedeutung für die Tierwelt innehat, lassen sich aus den vorliegenden Untersuchungen verallgemeinern: Entscheidend ist die horizontale und vertikale Strukturvielfalt sowie die Tatsache, dass die Biotope nur selten durch Eingriffe, etwa Mahd oder Ernte, gestört werden (vgl. Voigtländer et al. 2001). So können sich die Tiergemeinschaften im vielseitig vorhandenen Angebot an geeigneten Nischen zumindest über eine längere Dauer aufhalten (vgl. Kretschmer et al. 1997). Ob das Biotop dabei flächig oder linear ausgeprägt ist, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Vetragsnaturschutzflächen sind in ihrer Bedeutung für die Fauna den gut ausgeprägten Ackerbegleitbiotopen gleichzustellen, sieht man von der Vielfalt der Vegetationsschicht und damit dem Blütenangebot für Gruppen wie die Tagfalter einmal ab.
Ein auffälliges Ergebnis der Untersuchungen ist die in etwa vergleichbare Gesamtartenvielfalt der Projektgebiete für die Tiergruppen Vögel, Tagfalter, Heuschrecken, Wanzen, Spinnen und Laufkäfer. Andisleben, Gerbstedt und Weyer erreichen auf repräsentativen Flächen mit 318, 320 und 321 Spezies nahezu identische Artenzahlen. Nur im Projektgebiet Dahlem liegt die Gesamtartenvielfalt auf repräsentativen Flächen mit 359 Arten um etwa 10 % über der der anderen Gebiete, ist damit aber immer noch in etwa vergleichbar.
Obwohl die Anteile von als ökologische Ausgleichsflächen zu bezeichnenden Strukturelementen in den Projektgebieten Gerbstedt und Andisleben deutlich unter den von zahlreichen Autoren geforderten 5 bis 20% liegen (Sachverständigenrat für Umweltfragen 1985, Jedicke 1994, Pfadenhauer & Ganzert 1992, Knickel et al. 2001), hat sich die Artenvielfalt auf einem Stand gehalten, der zumindest im Vergleich mit den anderen hier untersuchten Regionen nicht auf gravierende Defizite schließen lässt. Die Forderung von im Mittel 10% für den Naturschutz reservierten Flächen, die sich z.B. im novellierten Bundesnaturschutzgesetz findet, lässt sich somit nicht pauschal aufrecht erhalten. Es ist begründet zu vermuten, dass auch geringere Anteile von Zusatzstrukturen, dafür aber besonders gut ausgeprägte ausreichen, um das Überleben einer hohen Artenvielfalt der Tierwelt zu sichern.
Auch Arten der Roten Listen treten in den Projektgebieten Andisleben und Gerbstedt in einer Vielfalt auf, die nicht als deutlich reduziert angesehen werden kann. Vorkommen gefährdeter Tagfalter sind jedoch aufgrund des insgesamt weniger vielfältigen Angebots unterschiedlicher Blütenpflanzen auf einige wenige Arten beschränkt. In Dahlem und Weyer konnten deutlich mehr gefährdete Arten aus dieser Tiergruppe beobachtet werden. Dafür verfügen die ostdeutschen Agrarlandschaften über Vorkommen von z.T. besonders gefährdeten Vogelarten, etwa Grauammer, Braunkehlchen, Raubwürger oder Rebhuhn.
In den vorliegenden Ergebnisbericht fließen Vorschläge zur Erhaltung, Strukturverbesserung und Neuanlage von für die Tierwelt vielfältigen Biotopen in der Agrarlandschaft ein. Handlungsbedarf aufgrund einer stark reduzierten Artenvielfalt ergibt sich für die Projektgebiete strenggenommen nicht. In Andisleben und Gerbstedt ist jedoch von zwar vielfältigen, aber auf die Fläche bezogen deutlich kleineren und verteilteren Populationen der Tiergemeinschaften auszugehen. Biotopverbesserungsmaßnahmen würden hier also zu insgesamt größeren Populationen der verschiedenen Arten in der Feldflur führen. Die Maßnahmen sollten abzielen auf:
1.) Erhaltung der wertvollen Ackerbegleitbiotope durch eine auch weiterhin extensive Pflege.
2.) Strukturverbesserung von weniger bedeutsamen Biotopen durch Verbreiterung und eine nur sporadische Pflege (einschürige Mahd), bei der eine gewisse Ruderalisierung zugelassen werden kann.
3.) Neuanlage vor allem von krautreichen Säumen, evtl. auch zur Unterteilung sehr großer Ackerschläge. Die Untersuchung hat gezeigt, dass solche Strukturen schnell von zahlreichen Arten besiedelt werden.
Es konnten einige Zielarten genannt werden, die als charakteristische Artengemeinschaften eines jeden Projektgebiets stellvertretend für weitere Tiere und deren Lebensraumansprüche stehen. Durch eine gezielte Überprüfung des Status dieser Arten sollte es möglich sein, den Status der Gesamtgebiete auf einem ähnlich vielfältigen Stand zu halten, wie er durch die vorliegende Untersuchung bestätigt werden konnte.
| Die 160-seitige Publikation ist in der Schriftenreihe des Instituts für Landwirtschaft und Umwelt als Heft 4/2002 erschienen und kann über die Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft (FNL) e.V. bezogen werden. |
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